Die Sätze „Lass dich nicht von einem fremden Menschen ansprechen!“, „Gehe niemals mit einem Fremden mit!“ und „Steige nicht in das Auto eines Fremden!“ hörte ich zum ersten Mal im Alter von sechs Jahren bei meiner Einschulung. Das Überqueren der Hauptverkehrsstraße, die ich auf dem Weg zur Grundschule vier Jahre lang jeden Tag zweimal überqueren musste, schien meinen Lehrern und Eltern Ende der Sechziger weniger zu beunruhigen als (sexuelle) Gewalttaten oder Entführungen.
Zu Recht, spricht mich doch in der dritten oder vierten Klasse auf dem Schulweg ein in etwa gleichaltriger Junge an, ob sein Onkel dort drüben im Auto mich nicht nach Hause bringen dürfe. Nach einer klaren Absage meinerseits renne ich den verbleibenden Kilometer so schnell ich kann nach Hause, allerdings nicht auf dem Gehweg, sondern abseits der Straße durch diverse Vorgärten und Hinterhöfe. Als ich eine Viertelstunde später mit meiner Mutter zu der besagten Stelle zurückkehre, war niemand mehr zu sehen. Natürlich. Umso mehr befolge ich mein ganzes Leben lang diese Regeln. Bis zum 2. September 2026.
Auf eigene Faust
Am Ende einer organisierten Rundreise durch den Kaukasus ist in Yerevan unser Verlangen nach noch mehr Klöstern mehr als befriedigt, ehrlicherweise knapp unter dem Nullpunkt. Wir verzichten auf den betreuten Tourismus und erkunden die Hauptstadt Armeniens auf eigene Faust: Platz der Republik, Vardanians‘ Park, Oper- und Balletttheater, Kaskaden von Yerevan mit einem schönen Rundumblick und einem coolen Lost Place beim Mother Armenia Monument. Zum Abschluss steht noch ein Besuch des Zizernakaberd an, einer Anhöhe, auf der an den Völkermord an den Armeniern erinnert wird. Die Idee mit öffentlichen Verkehrsmitteln scheitert kläglich an den Funktionen der Automaten beziehungsweise der eigenen Unfähigkeit, die Tickets mittels Touchscreen online zu bezahlen und auf das Smartphone zu laden. Zum Glück bieten in unmittelbarer Umgebung der Metrostation zahlreiche Taxis ihre Dienste feil, sodass wir für fünf Euro die fünf Kilometer entfernte Gedenkstätte in weniger als fünfzehn Minuten erreichen.
Nachdenklich
Der Besuch des Denkmalkomplexes – inklusive eines der Länge nach gespaltenen 44 Meter hohen Obelisken, einer ewigen Flamme innerhalb von zwölf Pylonen, einer 100 Meter langen Mauer mit den Namen der Wohnorte, in den denen der Völkermord stattfand, und dem unterirdisch angelegten Museums – zeigt „eindrucksvoll“, zu welch schrecklichen Verbrechen die Menschheit an ihre Mitmenschen fähig ist. Und das nicht nur in Armenien.


Da der Zizernakaberd etwas außerhalb liegt und weder über eine Bushaltestelle noch einen Taxistand verfügt, gehen wir ziemlich nachdenklich und gedankenverloren knapp zwei Kilometer entlang einer Straße zu einem nahegelegenen Einkaufszentrum, vis-à-vis des in die Jahre gekommenen Hrazdan Fußballstadions. Dort angekommen finden wir einen Taxistand ohne Taxis, eine Bushaltestelle ohne Busse, aber jede Menge wartende Menschen. Die freudlose Aussicht auf die vierspurige Stadtautobahn wird auf der gegenüberliegenden Seite durch mehrere hintereinandergeschaltete LED-Wände unterbrochen. An sich nichts Besonderes, würde darauf nicht eine Biermarke aus Grevenstein in Dauerschleife angepriesen. Sauerland, so nah und doch so fern. Aber dazu später …

Fragen kostet nichts
Nach ein paar Minuten Warterei frage ich die uns am nächsten stehenden Männer, ob sie auch auf ein Taxi warten. Anstelle einer Antwort werden wir mit der Gegenfrage „wo wollt ihr denn hin?“ konfrontiert. „Unser Ziel ist der Republic Square im Stadtzentrum.“ „Dann können wir euch ja mitnehmen. Gleich kommt unser Fahrer, in der Limousine ist Platz genug, also kein Problem.“ Ohne groß nachzudenken, verwerfen wir – nach einem kurzen Blickkontakt – sämtliche Warnungen unserer Kindheit und steigen in einem fremden Land mit zwei Unbekannten in ein großes Auto. Hatten wir Sorge oder gar Angst vor einem Überfall? Zu keiner Sekunde.
Über Turin nach Schmallenberg
Kaum losgefahren, entwickelt sich ohne Umschweife eine kurzweilige Unterhaltung mit gleich mehreren Plot-Twists, die wir kaum für möglich hielten. „Das da vorne ist ein früherer Fußballprofi, Trainer und Manager, bei uns ziemlich bekannt durch seine Engagements bei Pyunik Yerevan. Gemeinsam koordinieren wir den Aufbau und die Steuerung der Juventus Academy Armenia, ein langfristig angelegtes Fußballförderungsprojekt für talentierte und leistungsorientierte Kinder“, stellt sich der „Wortführer“ vor.

Ohne die Möglichkeit, uns zu vorzustellen, ergänzt er nach einem vielsagenden Blick auf mein Bayern-München-Gerd-Müller-Gedächtnistrikot: „Aber das kennt Ihr ja aus München … ihr kommt doch aus Deutschland, oder?“
„Ja.“
„Meine Schwester war vier Jahre dort, hat Biologie studiert und sich weitergebildet. Sie schwärmt immer noch von der schönen Zeit!“
„Wo denn?“
Achselzuckend nimmt er sein Telefon und erklärt wenige Sekunden später seiner Schwester die Situation. Nach einer kurzen Begrüßung auf Englisch beantwortet sie meine Frage in perfektem Deutsch: „Beim Fraunhofer Institut in einem kleinen Ort, den niemand kennt: Schmallenberg!“ Gleichzeitig fallen uns beide Kinnladen herunter: „Schmallenberg? Im Sauerland? Unweit von Arnsberg, Sundern und dem Sorpesee?“ „Ja, genau … so ein schönes Fleckchen Erde. Das kennt ihr?“ „Ja sicher, wir leben dort!“ „Und in Arnsberg ist meine Tochter geboren!“ Zum zweiten Mal glauben wir, uns verhört zu haben: „In Arnsberg? Welch Zufall ist das denn!? Dort erblickten auch wir das Licht der Welt, allerdings vor 64 Jahren!“ Während wir noch ein wenig über die „gemeinsame“ Heimat fachsimpeln, erreichen wir auch schon unser Ziel, den Republic Square.
Fazit
Wer hätte das gedacht, dass eine sich spontan ergebene Mitfahrgelegenheit solch eine Wendung nimmt. Kurzum: „Alter schützt vor Torheit nicht!“ oder „Das hätte auch ins Auge gehen können!“ gepaart mit „Wie aus heiterem Himmel.“

Ausblick auf Yerevan