Wie alles begann

aller Anfang ist schwerwie alles begann: aller Anfang ist schwer

Genau weiß ich nicht mehr, was mich 1989, Anfang März dazu brachte, mit meinem Studienfreund Schröder um den Stuttgarter Bärensee zu laufen. Wahrscheinlich hatte ich einfach ein schlechtes Gewissen. Während Schröder sportlich äußerst aktiv war und den größten Teil seiner Freizeit mit Squashspielen, Krafttraining, Joggen und Radfahren verbrachte, war ich ein typischer Couch-Potato. Ich spielte sporadisch Tennis und Squash – das war’s.

Nun stand ich bei frühlingshaften Temperaturen am Parkplatz Bärensee, bekleidet mit einer in die Jahre gekommenen glänzenden Adidas-Turnhose, einem T-Shirt aus dem Urlaub und ausgelatschten Stephan-Edberg-Tennisschuhen. Hoch motiviert, es Schröder zu zeigen, lief ich los, hatte ich doch während des Studiums regelmäßig zehn bis zwölf Stunden in der Woche Volleyball gespielt. Auf den ersten Metern erzählte mir mein Laufpartner, dass die von ihm ausgesuchte Strecke um drei hintereinander liegende Seen führe und nach jedem See die Möglichkeit bestünde, die Strecke abzukürzen. Er würde um alle drei Seen laufen. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt. In meinem Innersten allerdings schimpfte ich wie ein Rohrspatz: „Was bildest du dir eigentlich ein? Ich habe immerhin einige Jahre Verbands- und Oberliga-Erfahrung und während des Studiums bei einem Regionalligisten mittrainiert. Was willst du mir eigentlich damit sagen? Blödmann! Elender!“

Das schaffe ich locker

Auf den ersten Metern fühlte ich mich gut, als ob ich nie etwas anderes gemacht hätte. Schröder meinte nach einem Kilometer nebenbei: „Lauf ruhig etwas langsamer, wir haben noch einiges vor uns“. Und ich antwortete ganz cool: „Kein Problem, das Tempo schaffe ich locker.“ Kaum ausgesprochen, begannen die Probleme. Ich hielt zwar noch mit, antwortete aber nur noch japsend. Am Ende des ersten Sees wäre ich am liebsten abgebogen. Aber Schwäche zeigen, gar eingestehen? Jetzt schon? Niemals. Nicht gegenüber Schröder. Unser Gespräch bestand inzwischen nur noch aus einem Monolog, dem ich nur mit Müh und Not folgen konnte. Mit letzter Kraft und einem Puls jenseits von Gut und Böse erreichte ich das Ende des zweiten Sees. Dort überwand ich mich und sagte mit allerletzter Kraft: „Hier biege ich jetzt ab.“ Nachdem Schröder hinter der nächsten Kurve verschwunden war, blieb ich stehen und setzte meinen Weg erst einmal im Gehen fort, um wieder ruhig atmen zu können. Nach zwei weiteren Gehpausen – immer darauf achtend, von Schröder nicht überholt zu werden – rettete ich mich mit knapp einer Minute Vorsprung zum Auto. Seiner ersten Frage „Wartest du schon lange?“ wich ich geschickt aus, indem ich meinte: „Keine Ahnung, ich hab mich noch gedehnt.“

Katzenjammer

Am nächsten Tag fühlte ich mich wie nach einem dreistündigen Volleyballtraining im Rahmen der Saisonvorbereitung. Und dabei war ich gerade mal sechs Kilometer in 45 Minuten gelaufen. Mit Muskelkater und weiteren körperlichen Erschöpfungsmerkmalen quälte ich mich im Büro durch den Tag, nutzte selbst für eine Etage den Aufzug und war heilfroh, abends die Füße hochlegen zu können. Dort fühlte ich mich von Minute zu Minute besser, bis mir meine damalige Lebensgefährtin etwas offenbarte. Sie hatte tagsüber mit Schröder telefoniert, ihm aber versprechen müssen, mir nichts zu erzählen. Jetzt war ich gespannt. Auf die Frage „Und, wie war Klaus drauf?“ folgte eine eine zögerliche Antwort: „Tja, um ehrlich zu sein, Klaus hat zwar einen guten Körper, aber, nimm’s mir bitte nicht übel, da kommt nix raus!“

Traurige Selbsterkenntnis

Das hatte gesessen. Meine erste Reaktion war: „Was bildet der sich ein? Was glaubt der eigentlich, wer er ist?“ Selbst der beruhigende Hinweis, dass Schröder doch schon länger laufe, verlief ins Leere. Ich zählte alle Sportarten auf, die ich seit meiner Kindheit gemacht hatte: Schwimmen, Handball, Fußball, Volleyball. Im Schulsport immer ein „Gut“ bis „Sehr gut“. All das nutzte nichts, es hatte keinen Zweck. Mein Selbstbild beruhte auf der Vergangenheit. Ich hatte vergessen, dass ich mit dem Eintritt ins Berufsleben meine Sportklamotten an den Nagel gehängt und mich in erster Linie meinem neuen Dasein gewidmet hatte: Arbeiten und Leben in einer fremden Stadt, fernab der Heimat.

Schröder gegenüber ließ ich mir nichts anmerken. Außer, dass ich ein wenig Muskelkater gehabt hätte, aber das sei ja schließlich auch ganz normal, wenn man lange nicht gelaufen sei. Zeit heilt Wunden, besagt ein Sprichwort. Bei mir nicht. Ich hatte eine deftige Quittung erhalten, die mich mitten ins Herz getroffen hatte. Nach ein paar Tagen, immer Schröders Spruch „hat zwar einen guten Körper, aber da kommt nix raus!“ im Hinterkopf, versuchte ich mir das Ganze noch schönzureden. Laufen ist ja auch etwas ganz anderes als die bis dahin betriebenen Mannschaftssportarten. Aber es half alles nichts. Ich kam zu dem bitteren Schluss, dass ich wirklich nichts mehr draufhatte.

Mochte mein sportliches Selbstbewusstsein auch beschädigt worden sein, musste ich doch zugeben, dass mein Freund Schröder den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Was hatte ich denn gemacht, in den letzten drei Jahren? Im Vergleich zur Schul- und Studienzeit nicht viel. Sollte ich ehrlich zu mir sein, brauchte ich mich also nicht zu wundern. Von da an hatte mich der Ehrgeiz und der Laufvirus infiziert. Zwei Monate später schaffte auch ich es, die Drei-Seen-Runde zu laufen, ohne Pause und ohne zu japsen.

Was auch immer für Sie der Anlass ist, regelmäßig die Laufschuhe zu schnüren, genießen Sie – ob alleine oder in der Laufgruppe – die schönste Nebensache der Welt.

Running around the World
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